Berührungslose Ladetechnik

Andreas Mühlbauer,

Tradition trifft Moderne

Die Wege in einem Freizeitpark können sehr lang sein. Der Europa-Park Rust bietet seinen Besuchern verschiedene Transportmöglichkeiten an. Der People Mover „Panoramabahn“ wurde durch Energie- und Antriebskomponenten von SEW-Eurodrive ins Zeitalter der Elektromobilität befördert und fährt seither CO2-frei.

Die Panoramabahn fährt als Bummelzug durch den Europa-Park. Sie ist ein sogenannter People Mover und wurde 1975 eröffnet. © SEW-Eurodrive

Den Europa-Park im badischen Rust besuchen pro Saison rund 5,7 Millionen Menschen. Das entspricht im Durchschnitt rund 30.000 Besuchern pro Tag. Ein immenser Aufwand hinsichtlich Logistik und Instandhaltung läuft im Hintergrund. Im Idealfall bekommen die Besucher davon nichts mit. Sie sollen die etwa 100 Attraktionen unbeschwert genießen können. Für die störungsfreie Funktion der Fahrgeschäfte sorgt Steffen Kasten, Betriebsleiter Betriebstechnik, mit einem Team von rund 50 Mitarbeitern. Er erinnert sich noch gut an den 26. Mai 2018, als ein Brand die Attraktion „Die Piraten in Batavia“ vollständig zerstörte und auch auf die nebenliegende Wartungshalle der Panoramabahn übergriff. „Dadurch brannten zwei von insgesamt fünf Zügen vollständig aus“, berichtet Kasten. Ursache des Brandes war ein technischer Defekt. Es entstand Sachschaden in Millionenhöhe.

Eine Parkbahn zum Transport der Besucher auf dem weitläufigen Gelände, auch People Mover genannt, fuhr von Anfang an im Europa-Park. Das war dem Gründer und Inhaber Roland Mack eine Herzensangelegenheit. Daher sollte es für die zerstörten Züge der Panoramabahn möglichst schnell einen Ersatz geben. Die Verantwortlichen des Europa-Parks suchten nach einer Lösung, die sie schließlich mit der Energie-, Automatisierungs- und Antriebstechnik von SEW-Eurodrive fanden. Seit knapp drei Jahren hatten die Bruchsaler Automatisierungsspezialisten bereits Reparatur- und Wartungsarbeiten an Fahrgeschäften im Park durchgeführt. Das betrifft nicht nur SEW-Antriebe, sondern auch Fremdmotoren. „SEW-Eurodrive hat uns schon mehrmals am Wochenende geholfen“, zeigt sich Steffen Kasten zufrieden. Für die Umrüstung der Panoramabahn wurde gemeinsam mit dem Europa-Park ein Projektteam mit jeweils abgegrenzten Zuständigkeiten gebildet. SEW-Eurodrive war mit der Konzepterstellung in Bezug auf Antriebs- und Energiespeicherauswahl, zugehörige Ladetechnik sowie Sicherheits- und Kommunikationstechnik beauftragt. Des Weiteren stellten die Bruchsaler die wesentlichen Komponenten bereit, übernahmen die Inbetriebnahme und die komplette Software.

Anzeige

Dezentrale Ladetechnik und Energiespeichersystem

Ein Kernstück ist die neue dezentrale Generation des Energieübertragungssystems Movitrans, die keinen Schaltschrank mehr benötigt. Die Folgen sind – wie bei allen dezentralen Antriebslösungen – Platzeinsparungen und Kostenvorteile für Anlagenbauer und -betreiber. Bereits seit vielen Jahren setzen Kunden das Energieversorgungssystem Movitrans ein. Es überträgt elektrische Energie von einer im Boden installierten Feldplatte oder einem Linienleiter induktiv und kontaktlos auf einen oder mehrere mobile Verbraucher. Neu ist die dezentrale Einspeisung TES, die es mit 8 oder 16 kW Nennleistung gibt, verbunden mit einer hohen Energieeffizienz. Sie zeichnet sich durch eine hohe Leistungsdichte aus und ist für das schnelle Laden der Movi-DPS-Speicher in Verbindung mit der außenbereichstauglichen Feldplatte TFS30 konzipiert.

In der Bildmitte sieht man den Übertragerkopf Movitrans TDM80E, darüber die Antriebseinheit MGFTT4-DSM. © SEW-Eurodrive

Das Konzept für den Europa-Park umfasst das kontaktlose Aufladen der Züge in den vier Bahnhöfen des Parks. Diese wurden mit jeweils vier Feldplatten ausgestattet und ermöglichen so eine Ladung der Movi-DPS-Doppelschichtkondensatorspeicher des Zugs mit bis zu 40 kW. Die Züge halten für die Dauer des Aus- und Einstiegs der Fahrgäste etwa vier bis fünf Minuten pro Bahnhof. In dieser Zeit werden innerhalb von 60 Sekunden rund 700 kWs „getankt“. Die aufgenommene Energie versorgt alle elektrischen Verbraucher auf dem Zug. Das sind neben den Fahrantrieben der Kompressor für die pneumatischen Bremsen, die künstliche Dampferzeugung, die Soundanlage für Lokgeräusche und – im Winter – die Illumination. „Die Energiemenge reicht problemlos bis zum Aufladen im nächsten Bahnhof“, erläutert Dominik Gläßer, Außendienstmitarbeiter bei SEW-Eurodrive und zuständig für die Durchführung dieses Projekts im Europa-Park.

Für den passenden Antrieb sorgen vier Antriebseinheiten Movigear MGFTT4-DSM, die aus Optik- und Platzgründen in den Drehgestellen der Lok keine aufgesetzte dezentrale Elektronik besitzen, sondern über Schaltschrank-Doppelachsen Movidrive modular geberlos geregelt werden. Durch die kompakte Bauweise, bedingt durch den verbauten Synchronmotor, sind die Antriebseinheiten maßgeschneidert für einen energieeffizienten Betrieb. Zusätzlich sind sie wartungsarm und durch ihre hohe Schutzart in Kombination mit der Oberflächenbeschichtung HP 200 prädestiniert für den rauen Einsatz im Freien. Nur durch das Zusammenspiel zwischen den Antriebseinheiten und der Automatisierungsplattform Movi-C lassen sich Movitrans und Energiespeicher in das Gesamtsystem einbinden. So ergibt sich eine für diesen Anwendungszweck optimale Lösung. Die Energieeffizienz ist wesentlich besser als beim Dieselmotor und auch die Bremsenergie lässt sich mittels Rekuperation in den Speicher nutzen.

Der TÜV Süd verlangte eine Risikoanalyse für den Einsatz von Movitrans in den Bahnhöfen und somit im öffentlichen Raum. Die Organisation kam im Europa-Park nicht zum ersten Mal mit Movitrans in Berührung, war SEW doch bereits mit dem Thema „Induktives Laden in der Elektromobilität“ in der Normenlandschaft präsent. Der TÜV Süd stellte somit hohe Anforderungen an eine sichere Abschaltung, sobald sich kein Zug zum Laden auf den Feldplatten befindet. Für die sichere zweikanalige Abschaltung des Systems kommt eine Sicherheitssteuerung UCS10B zum Einsatz, die die Einspeiseeinheiten deaktiviert. Ferner wurden die elektromagnetischen Felder im Ladebetrieb um den Zug vermessen und erfüllen die erforderlichen Grenzwerte.

Umbau der Züge im laufenden Betrieb

Seit Beginn der Wintersaison im November 2019 ist die erste Panoramabahn mit SEW-Technik in Betrieb und erfüllt alle gestellten Erwartungen. Aus diesem Grund wurde im Februar 2020 mit der Elektrifizierung der zweiten Panoramabahn begonnen, die im Mai 2020 fertiggestellt wurde. Seit November 2020 werden zwei weitere Züge auf einen grünen Betrieb umgebaut. Ein zusätzlicher Reservezug wird bis März 2021 einsatzbereit sein. Die verbliebenen Dieselzüge fahren während der Umbauphase bis zur vollständigen Umstellung regulär weiter.
Andrea Balser, Referentin Fachpresse, SEW-Eurodrive 

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Dezentrale Antriebe

Wenn der Funke überspringt

Die Oberfläche von Karosserieteilen im Automobilbau muss perfekt sein. Grundlage sind hochgenau texturierte Walzen, die die Blechteile für die Verarbeitung vorbereiten. Mit Lichtbögen bearbeiten Texturiermaschinen die Walzen hochpräzise.

mehr...

Auslegungs-Tool

Planetengewindetriebe berechnen

Mit der jüngsten Erweiterung des Auslegungs-Tools Linear Motion Designer (LMD) bietet Bosch Rexroth neue Möglichkeiten für die Berechnung von Gewindetrieben und Linearführungen. Lebensdauer und Schmiermitteleinsatz sind mit wenigen Klicks bestimmbar.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige